Bei Anruf Sekte?
Vor Kurzem klingelte mein Telefon. Der junge Mann am anderen Ende der Leitung lud mich zu einer Konferenz der ZCMG, der Zion Christian Mission Group oder auf Deutsch, der Zion Christliche Missionsgesellschaft ein. Es würde um Einheit gehen und die Konferenz würde in Frankfurt a.M. stattfinden. Natürlich sind nur noch wenige Plätze frei. Die ZCMG wäre in über 100 Ländern aktiv, besonders im asiatischen Raum. Dass ich als Besucher telefonisch zu einer Konferenz eingeladen werde, ist schon sehr ungewöhnlich. Spätestens bei den Stichworten „Frankfurt“ und „asiatischer Raum“ wurde ich hellhörig.
Was meine Intuition mir nahelegte, bestätigte sich bei einem Blick ins Netz. Im Hintergrund dieser ZCMG steht offensichtlich Shincheonji, eine neureligiöse Gruppe, die von Experten als Sekte bezeichnet wird. Inhaltlich bietet sie eine besondere Interpretation der Bibel und bezieht sich dabei vor allem auf das Buch der Offenbarung. Shincheonji heißt übersetzt „Neuer Himmel und neue Erde“ und nimmt damit Offenbarung 21,1 auf. Der Gründer Man-Hee Lee wird als verheißener Pastor der Endzeit betrachtet. Er allein könne die Bibel richtig auslegen. Oliver Koch, Mitautor eines Buches über die „Seelenfänger von Shincheonji“, warnt in einem Interview auf evangelisch.de vor den Gefahren: Mitglieder leiden unter Erschöpfung und psychischen Problemen, können ihren Beruf nicht mehr voll ausüben und isolieren sich von ihren Familien und ihrem sozialen Umfeld. Besonders letzteres wird durch ein Netz an Lügen befördert: Wie auch in meinem Fall tritt Shincheonji selten unter dieser Bezeichnung mit Menschen in den ersten Kontakt. Mitglieder werden ermutigt, ihren Familien nichts von Shincheonji zu erzählen. Oft wissen selbst nahestehende Menschen nichts über die Verbindung zu dieser Gruppe. Schon allein das treibt einen Keil zwischen die Anhänger dieser Bewegung und ihr Umfeld. Gelogen wird allerdings nicht nur nach außen, sondern auch innerhalb des Systems: Wie der Youtube-Kanal Shincheonji Exposed erzählt, hat der Gründer Man-Hee Lee seine Autorität auch für außereheliche Beziehungen mit weiblichen Mitgliedern ausgenutzt.
Doch zurück zu meinem Telefonat: Warum werde ausgerechnet ich angerufen? Shincheonji versucht vor allem unter Christen zu werben. Das passiert beispielsweise am Rande von Gottesdiensten oder christlichen Events. Möglich ist, dass ich einfach als vergleichsweise junger Mensch ins Beuteschema passe. Wahrscheinlicher ist aber, dass Shincheonji auch in der Oberlausitz aktiv ist. Umso mehr stellt sich die Frage, wie man sich und Angehörige vor dieser Gefahr schützt. Denn Bibelstudium ist ja nichts schlechtes – ganz im Gegenteil.
Der erste Punkt, den man immer überprüfen sollte, bevor man eine Einladung annimmt, ist die Frage von wem diese Einladung eigentlich kommt. Steht dahinter eine bekannte Freikirche, eine Gemeinde der Landeskirche oder bleibt da manches im Dunkel?
Wenn man die Gruppierung nicht einordnen kann, können sicher auch Pfarrpersonen oder andere bei der Einordnung behilflich sein. Sollte eine Gruppierung auf „fremden“ Veranstaltungen aktiv sein und das mit dem Veranstalter nicht abgesprochen haben,
ist definitiv Vorsicht geboten. Ähnlich ist übrigens auch die sog. Holic-Gruppe insbesondere in den 2000er Jahren vorgegangen. Skeptisch sollte man auch sein, wenn man aufgefordert wird, zu zentralen Treffen viele hunderte Kilometer zu reisen. Warum gibt es keine Gemeinde in der Nähe? Vielleicht weil man sich selbst als exklusiven Zirkel begreift?
Mehr Informationen zur Thematik finden sich im Buch von Oliver Koch und Johannes Lorenz: Die Seelenfänger von Shincheonji. Sehr informativ war für mich auch der Beitrag von Galileo zu Shincheonji (siehe youtube).
Pfr. Michael Müller
KG Am Großen Stein Seifhennersdorf