aktuelle Betrachtung

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…Endlich raus. Endlich raus aus dem Gefängnis. Endlich raus aus den vier Wänden. Endlich raus aus dem Abgeschnittensein von Freunden und Verwandten. Endlich raus aus der Angst und den Sorgen. Endlich zurück ins Leben. Zurück zur Gemeinschaft mit anderen. Zurück in den Alltag. Zurück zu Theater, Kino und Konzerten. Zurück zu offenen Geschäften und Restaurants. Zurück in die geöffneten Kirchen. Zurück zu Feiern und Festlichkeiten.

Aber noch sind das alles Träume und Wünsche. Wir stecken weiter in der Ausgangssperre fest und könnten schon bald mit dem Kopf gegen die Wand rennen.
Auf diesem Bild hat es offenbar einer geschafft. Einer, der mit ausgebreiteten Armen durch die Wand gegangen ist? Aber wo ist dann dieses Stück Wand, das wie ein Kreuz aussieht? Die paar Betonbrocken am
Boden sind doch viel zu wenige. Sollte der Befreite das Kreuz mitgenommen haben? Mitgeschleppt? Nein, eigentlich sieht es eher aus, als hätte jemand das Kreuz ordentlich aus der Wand ausgesägt. Einer von außen. Der den da drinnen befreit hat. Und das Kreuz lehnt jetzt womöglich innen an der Wand. Sorgfältig rausgezogen und aufgeräumt. Es ist überflüssig geworden. Das eigentliche Symbol ist dieses kreuzförmige Loch in der Wand, das Zeichen der Befreiung.

© Thomas Plaßmann (WLP 5+6/2002•137)

Jesus Christus ist auferstanden. Aus Grab und Gefängnis und Dunkelheit hinaus getreten ins Licht. Er ist nicht mehr zu sehen. Nur das leere Grab ist noch da, das man besichtigen kann. Die Jüngerinnen und Jünger damals waren ratlos, ja fassungslos beim Anblick des leeren Grabes. Ich heute empfinde Freude, klammheimliche Schadenfreude, wenn ich dieses Bild sehe: Ich stelle mir vor, wie die Wächter kommen und dieses Loch in der Wand vorfinden…
Jesus ist auferstanden. Paulus verwendet lieber das Wort „auferweckt“ (Rö 4,24). Und da wird`s deutlich: Gott war es, der Jesus auferweckt hat. Dem, der im Gefängnis festsitzt, sind alle Handlungsmöglichkeiten weggenommen. Es muss einer von außen kommen, der ihn befreit. Einer, der den Schlüssel hat. Jesus ist es, der uns befreit. Nun ja, vielleicht noch nicht von der Kontaktsperre, die die Behörden über uns verhängt haben. Wer weiß, wie lange das noch dauert…

Die Osterfreude ist in diesem Jahr eher verhalten. Unsere Befreiungen sind eher seelischer Art, zumindest bietet Gott uns das an. Dass wir der Pandemie und allen ihren tragischen Folgen einen Sinn geben. Vielleicht,
dass wir einen Blick bekommen für die Schwachen und Hilfsbedürftigen um uns herum. Oder dass uns bewusst wird, wie zerbrechlich unsere Sicherheiten sind. Wie angewiesen wir sind auf Gottes Gnade. Und wie
wertvoll unsere Beziehungen sind. Wie sehr wir die brauchen, die zu uns gehören. Vielleicht auch, was von uns selber gefordert und gebraucht wird. Wer wir sein könnten, wenn wir uns nach dem richten, was wirklich wichtig ist. Und dann werden wir ein Stück mehr zu dem Menschen, den Gott gewollt hat.

Gott segne euch alle an diesem seltsamen Osterfest und schenke euch Gesundheit!
Eure Barbara Herbig

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