aktuelle Betrachtung

Ein Jahr der Barmherzigkeit

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Dabei ist Barmherzigkeit nicht eine Herablassung, sondern ein Herzensanliegen. Sie ist nicht nur ein mildes Gefühl, sondern äußert sich in konkreten Taten.

Im Hebräischen steht das Wort „racham“ – eine Reaktion aus den Eingeweiden heraus (Nieren, Leber, Galle). Sie sind in vielen Sprachbildern enthalten, die wir damit auch im Deutschen verknüpfen und die immer an das konkrete Handeln denken (z.B. das geht mir an die Nieren, frei von der Leber weg usw.). Im Griechischen ist das Wort „eleison“ = „erbarme dich“ damit verbunden – ein starker Ruf, der zur direkten Anteilnahme auffordert. Mit der Barmherzigkeit findet die Sprache des Herzens die richtigen Taten.

Jesus Christus spricht: „Seid Barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Lukas 6,36

Mit dieser Jahreslosung können wir den Frieden stiften, den wir in unserem Land und in der ganzen Welt dringend brauchen. Barmherzigkeit fragt nicht nach Gewinnen und Verlusten. Sie schielt nicht darauf, erfolgreich zu sein oder den eigenen Nutzen zu mehren. Ihr Selbstlosigkeit ist ihre Stärke. Sie richtet sich an jeden und jede von uns selbst. Das ist ihre Kraft: sei mit dir selbst auch barmherzig. Das entlastet und befreit! Aus dieser Einsicht vermag ich, an anderen barmherzig zu handeln. Und es steht in Aussicht, selber so behandelt zu werden. In der berühmten Geschichte vom Barmherzigen Samariter aus Lukas 10 gibt der Helfer am Schluss eine Spende, damit nach seinem Teil des Handelns andere sich um den Verletzten kümmern können. Auf diese Weise barmherzig zu handeln, überlastet nicht noch entwickelt sich daraus ein Helfersyndrom – das fortwährende Grundgefühl immer und überall helfen zu müssen. Barmherzigkeit ist ein Stück getroster Gelassenheit.

Viele Themen – von Flüchtlingen bis Corona – werden nach meinen Erlebnissen in den letzten Jahren zunehmend ohne Barmherzigkeit angesprochen. Menschen werden für pure Äußerlichkeiten im Internet fertig gemacht. Von unbarmherzigen Hass noch gar nicht zu reden. Es ist die christliche Grundüberzeugung, dass wir als Menschen Fehler machen, fehlerhaft sind und immer wieder den Moment der Einsicht brauchen. Dazu gehört – wie Paulus es schreibt – auch eine gewisse Nüchternheit. Barmherzigkeit ist als nicht allein gefühlsbetont oder gar nur etwas für „weichere Typen“. Sie ist eine klare Handlungsanleitung. Sie erfordert Mut – den Rückhalt, den uns Gott im Glauben geben kann!

Barmherzigkeit ist wesentlich für Gott. Barmherzigkeit ist ein wichtiger Teil vom Kern des christlichen Glaubens. Jesus hat sie gelebt und uns in seine Nachfolge auf den Weg der Barmherzigkeit gerufen. Er begleitet uns auch im neuen Jahr 2021 auf diesem Weg.

Es grüßt Sie herzlich zum neuen Jahr

Ihre Kirchgemeinde Zittauer Gebirge,

Pfarrer Christian Mai im Namen der Mitarbeitenden und des Kirchenvorstandes