Predigt aktuell

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Predigt zu Palmsonntag, 5.4.2020 (Pfarrerin Barbara Herbig)

Predigttext: Markus 14,1-9 (basisbibel)

Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest und dem Fest der Ungesäuerten Brote. Die führenden Priester und die Schriftgelehrten suchten nach einer Möglichkeit, Jesus heimlich zu verhaften und dann umzubringen. Aber sie sagten sich: »Auf gar keinen Fall während des Festes, damit es keine Unruhe im Volk gibt.«

Jesus war in Betanien. Er war zu Gast bei Simon, dem Aussätzigen. Als er sich zum Essen niedergelassen hatte, kam eine Frau herein. Sie hatte ein Fläschchen mit Salböl dabei. Es war reines kostbares Nardenöl. Sie brach das Fläschchen auf und träufelte Jesus das Salböl auf den Kopf.

Einige ärgerten sich darüber und sagten zueinander: »Wozu verschwendet sie das Salböl? Das Salböl war mehr als dreihundert Silberstücke wert. Man hätte es verkaufen können und das Geld den Armen geben.« Sie überschütteten die Frau mit Vorwürfen. Aber Jesus sagte: »Lasst sie doch! Warum macht ihr der Frau das Leben schwer? Sie hat etwas Gutes an mir getan. Es wird immer Arme bei euch geben, und ihr könnt ihnen helfen, sooft ihr wollt. Aber mich habt ihr nicht für immer bei euch. Die Frau hat getan, was sie konnte: Sie hat meinen Körper im Voraus für mein Begräbnis gesalbt. Amen, das sage ich euch: Überall in der Welt, wo die Gute Nachricht weitergesagt wird, wird auch erzählt werden, was sie getan hat. So wird man sich immer an sie erinnern.«


Wer dieser Tage einen runden Geburtstag zu feiern hat, muss alle Festlichkeiten absagen und kann nur mit den direkten Mitbewohnern zusammen Kaffee trinken. Die Gaststätten sind geschlossen und die Angehörigen müssen zu Hause bleiben. Nachbarn gratulieren höchstens kurz und vor der Tür. Und den ganzen Tag lang kommen die Glückwünsche per Telefon. Das, worauf wir uns am meisten gefreut haben: mit allen Lieben zusammen Zeit zu verbringen, sich an den Kindern zu freuen, sich an der Festtafel zu versammeln – das bleibt uns in diesen Wochen alles versagt. Und wer weiß, wie lange noch.

Ostern fällt aus. Ja, gut, wir können Ostereier suchen mit den Kindern. Aber das Wesentliche: Tischabendmahl am Gründonnerstag, Kreuzwegmeditation am Karfreitag, Osternacht und Ostermette, Osterfeuer und Osterfrühstück… muss alles ausfallen in diesem Jahr.

„Wer den stillen Freitag und den Ostertag nicht hat, der hat keinen guten Tag im Jahr“, hat Martin Luther mal gesagt. Und genauso empfinde ich es auch. Wir suchen nach guten Ideen, um Ostern wenigstens auf andere Weise hervor zu heben. Das Glockengeläut gewinnt auf einmal eine besondere Bedeutung. Posaunenbläser und alle, die Musik machen können, werden zu Hoffnungsträgern für die Einsamen. Ostereier werden um die Kirche herum versteckt, damit alle Familie einzeln kommen und sie suchen können.

„Sowas gab`s noch nie!“ sagen die Alten. Und sie haben recht: Gerade in Zeiten von Not und Verunsicherung, gerade bei Angst und Gefahr haben Menschen immer in den Kirchen Trost und Hoffnung gesucht. Und jetzt sind die Kirchen zu.

Jesus hat gerade um das, was uns jetzt versagt bleibt, seine Verkündigung aufgebaut: um Gemeinschaft und gemeinsames Essen, um menschliche Nähe und Berührung.

Die Geschichte von der Salbung in Bethanien erzählt davon: Jesus ist zu Gast im Hause Simons, des Leprakranken. So steht`s ganz einfach im Markusevangelium, ohne Kommentar: „im Haus Simons, des Aussätzigen (griechisch: „lepros“). Hat Jesus keine Angst, sich anzustecken? Da sind ja auch noch mehr Gäste dabei, wie die Geschichte erzählt. Oder ist Simon inzwischen geheilt – und nur der Spitzname ist an ihm hängen geblieben? Wie auch immer: Jesus lässt sich nicht von der Krankheit abschrecken und geht zu Simon, nimmt die Einladung zum Essen an, setzt sich mit allen, die da sind, an einen Tisch. Wie er es immer wieder getan hat: sich an einen Tisch gesetzt mit den Verachteten, die Nähe nicht gescheut zu den Ausgestoßenen.

Da geht auf einmal die Tür auf – und herein kommt ein Gast, der nicht geladen ist: eine Frau. Ihr Name wird in der Bibel nicht genannt, aber sie muss sehr vermögend gewesen sein, denn sie hat ein Alabastergefäß mit kostbarem Salböl dabei. Mit diesem Nardenöl salbt die Frau Jesus.

Sie sagt nichts dazu. Doch offenbar will sie Jesus etwas Gutes tun. Sie will ihm ein Geschenk machen, und dazu nimmt sie das Kostbarste, was sie hat. Über ihre Motive können wir nur spekulieren. Möglicherweise hat sie Jesus predigen gehört, und er hat ihr mit seinen Worten das Herz geöffnet, ihr etwas gesagt, das ihr sehr wertvoll geworden ist. Sie handelt aus einem Gefühl heraus. Aus einem Gefühl des tiefen Bewegtseins, der Dankbarkeit.

Und die Leute, die dabei sitzen, werden Zeugen ihrer Gefühlsäußerung. Manchen ist das offenbar peinlich. Sie wollen nicht zu Tränen gerührt werden. Sie wollen nicht mit ansehen, wie diese Frau so viel von ihrem Inneren preisgibt.

Stattdessen brechen sie eine Diskussion vom Zaun. »Wozu verschwendet sie das Salböl? Das Salböl war mehr als dreihundert Silberstücke wert. Man hätte es verkaufen können und das Geld den Armen geben.«

Das ist natürlich nicht ganz falsch. Gerade die Zeit vor dem Passafest war traditionell Zeit zum Almosengeben. Narde war schon in der Antike sehr teuer. Die Pflanze wuchs nur in Indien und China, in großer Höhe. Aufwändig wurde sie geerntet und aus den Wurzeln das Öl gewonnen. 300 Silberstücke – das würde heute etwa 20.000 Euro entsprechen. Für viele Menschen ist das ein Jahreseinkommen. Mit diesem Geld den Armen zu helfen, wäre doch eigentlich auch im Sinne Jesu gewesen.

„Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Im Sinne der Mitmenschlichkeit scheint der Einwand durchaus nachvollziehbar zu sein. Und immerhin: Verschwendungssucht – luxuria – zählt in der altchristlichen Tradition zu den sieben Hauptsünden.

Jesus reagiert ebenfalls emotional: »Lasst sie doch! Warum macht ihr der Frau das Leben schwer? Sie hat etwas Gutes an mir getan.“ Er nimmt die Frau in Schutz, weil er nicht will, dass sie gekränkt wird. Sie hat etwas von ihrem Inneren öffentlich gezeigt und sich damit dem Urteil der anderen ausgeliefert.

Für mich ist das eine der Stärken von Jesus, die ich immer wieder in den Evangelien finde: dass er sich in andere Menschen hinein versetzen kann. Und dass er diese Fähigkeit nicht nutzt, um sie zu verletzen, sondern um sie zu verstehen. Um sie liebend anzunehmen. Dazu ruft er die Gäste in Simons Haus zur Ordnung: Nicht über die Gefühlsäußerungen anderer Menschen herzuziehen, sondern sie respektvoll zu behandeln.

Und dann tut Jesus etwas, was alle Theologen gern tun: Er deutet das Geschehene auf eine bestimmte Weise. „Die Frau hat getan, was sie konnte: Sie hat meinen Körper im Voraus für mein Begräbnis gesalbt.“

Jesus nutzt die Gelegenheit, um den Anwesenden seinen baldigen Tod anzukündigen. Die harmlose Zusammenkunft in Simons Haus, die mit einem schönen gemeinsamen Essen begonnen hat, dann von der zeichenhaften Handlung der innerlich sehr bewegten Frau unterbrochen wurde, schließlich in eine hitzige Diskussion ausgeartet ist, diese Zusammenkunft mündet in so etwas wie kalten Schrecken. Vor den Anwesenden tut sich ein Abgrund auf. Mich habt ihr nicht für immer bei euch“, sagtJesus. An verschiedenen Stellen hat er schon darauf hingewiesen, dass er in Jerusalem den Weg des Leidens und des Todes gehen wird, immer haben seine Hörer ratlos reagiert. Was sollten sie auch sagen? Hier wird es wieder so gewesen sein.

Jesus sagt: „Die Frau hat getan, was sie konnte: Sie hat meinen Körper im Voraus für mein Begräbnis gesalbt. Amen, das sage ich euch: Überall in der Welt, wo die Gute Nachricht weitergesagt wird, wird auch erzählt werden, was sie getan hat. So wird man sich immer an sie erinnern.“

Er hebt diese schlichte kleine Salbung, die die namenlose Frau an ihm vollzogen hat, auf eine höhere Ebene. Er würdigt sie, indem er ihr eine höhere Bedeutung verleiht. Er macht sie zur Zeichenhandlung für den Weg ans Kreuz, den er vor sich hat. Er macht sie zu einem prophetischen Zeichen.

Jesus war einer, der Zeichenhandlungen zu würdigen wusste. Unsere Zeichenhandlungen in der Karwoche und zu Ostern sind genau in seinem Sinne: gemeinsam essen und trinken, den Kelch teilen, einander die Hände reichen, dem anderen die Füße waschen, am Osterfeuer wachen und beten, das Osterlicht in die dunkle Kirche hineintragen…

In diesem Jahr dürfen wir das nicht. Wir dürfen nicht zusammenkommen, um uns und andere nicht mit Virusinfektion zu gefährden. Wir können nur eins tun: nach anderen Zeichenhandlungen suchen, die unseren Mitmenschen zeigen: Ich denke an dich. Du bist nicht allein und verlassen. Wir sind eine Gemeinschaft, die füreinander da ist.

Diese Passionszeit ist anders als alle anderen vorher. Sie ist auf einmal tatsächlich eine Zeit der Ruhe und der Besinnung, wenn wir uns darauf einlassen. Eine Zeit, Gespräche übern Gartenzaun zu führen, eine Zeit, auf Überflüssiges zu verzichten, eine Zeit, die Augen offen zu halten für unscheinbare Zeichen der Liebe Gottes.


Gebet aus Anlass der Corona-Pandemie

Ungewissheit und Angst erfüllen in diesen Tagen unsere Gedanken.

Wir sind in Sorge.

Wir sorgen uns um unsere Lieben.

Wir vertrauen sie deiner Fürsorge an.

Behüte und bewahre sie.

Wir sorgen uns um das Zusammenleben in unserem Land.

Wir schauen auf das, was kommen wird.

Wir sind hilflos.

Der Corona-Virus bedroht die Schwachen.

Wir vertrauen die Kranken deiner Fürsorge an.

Behüte und bewahre sie.

Wir bitten für die Sterbenden – behüte sie und erbarme dich.

Wir bitten für die Jungen – behüte sie und erbarme dich.

Wir danken dir für alle, die in Krankenhäusern und Laboren arbeiten.

Wir danken dir für alle, die Kranke pflegen, Eingeschlossene versorgen und sich um das Wohl aller mühen.

Behüte und leite sie.

Du bist unsere Hilfe und Stärke.

Behüte uns, bewahre uns und erbarme dich. Amen.