Schätze entdecken – Martin Luther und die Bilder

Nach dem Reichstag in Speyer 1521 wurde Martin Luther – zu seinem Schutz – entführt und kam so auf die Wartburg. Er hätte dort, nachdem er u.a. das Neue Testament übersetzt hatte, wohl noch eine Weile bleiben können und sollen, in Anonymität und Sicherheit. Warum hat er 1522 die Wartburg verlassen und ist nach Wittenberg zurückgekehrt?

Er hatte beunruhigende Nachrichten erhalten: Es gibt da eine radikale Bewegung von Leuten, die meinen, Luthers Lehren besonders konsequent umsetzen zu müssen und deshalb auf alles losgingen, was sie für „katholisch“ hielten – Heiligenfiguren und auch Bilder aller Art in den Kirchen. Dieser Bewegung wollte Martin Luther selbst Einhalt gebieten.

Bilder haben in der christlichen Gemeinde eine lange Tradition und große Bedeutung. Zu Luthers Lebzeiten – und zuvor – konnten nur ca. 2% der Menschen lesen und schreiben, und selbst dann konnten sie nicht die Bibel lesen, weil nur die lateinische, sehr fehlerhafte „Vulgata“ vorlag. Also fand man im Spätmittelalter einen Ausweg – eine „biblia pauperum“ – eine Art Bilderbibel für bemittelte Analphabeten. Sie sind gewissermaßen die Vorläufer der Bilderbibeln, mit denen wir selbst biblische Geschichten kennen gelernt haben und mit denen wir heute unseren Kindern und Enkeln die Bibel nahe bringen. Bilder können Erkenntnisse vermitteln, zum Nachdenken anregen, persönlich berühren.

Auch deshalb stellte sich Luther gegen jede Form von Bilderstürmerei. Er ging sogar noch weiter, um Bilder zu schützen. Damit der Bewegung der Bilderstürmerei keinerlei Vorschub geleistet wird, hat er bei der Erarbeitung des „Kleinen Katechismus“ ein wenig „getrickst“: er hat das ursprünglich 2. Gebot „Du sollst dir kein Bildnis machen“ (2. Mose 20,4) einfach weggelassen und das 10. Gebot in zwei Gebote unterteilt, (damit die Zahl zehn erhalten bleibt), denn im ursprünglichen Gebot ging es um das Erschaffen von Götzenbildern, die dann selbst angebetet und verehrt werden sollten.

In den reformierten Kirchen, im Judentum und verstärkt im Islam spielt das Bilderverbot noch heute eine gewichtige Rolle.

Martin Luther sah in den Bildern vielmehr Glaubenszeugnisse ihrer Schöpfer und für den Betrachter die Möglichkeit, sich mit den Inhalten der Bibel auseinander zu setzen. Gut so, denn so haben wir auch in den Kirchen unserer Schwestergemeinden viele Bilder – aus verschiedenen Epochen und von verschiedenen Künstlern – als Altarbild, an Emporen oder sogar an der Decke, allesamt Schätze, die zu entdecken sich lohnt. Eine offene Kirchentür ist eine Einladung – auch auf unsere Bilder zuzugehen, sie wirken zu lassen, über sie nachzudenken. Was freut mich, was stört mich an ihnen, was verstehe ich, wo möchte ich nachfragen und vor allem was hat das mit mir selbst, mit meinem Leben und Glauben zu tun?

Das einzige, was wir für diese Entdeckungsreise brauchen: offene Augen und Herzen sowie ein wenig Zeit. Es lohnt sich, ganz sicher. Probieren Sie es aus!

Ihr Pf. Gotthilf Matzat