Erntezeit

Haben Sie in diesem Jahr schon Äpfel geerntet und sich an der köstlichen Ernte gefreut? Haben Sie die Straßenbäume bestaunt, die voller roter Früchte hingen? Im Apfelbaum erblicken wir ein kleines Stück Paradies. Mit einem Apfel fing alles an …

„Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ In diesem mit Martin Luther in Verbindung gebrachten Gedanken kommt Freude und Hoffnung zur Sprache. Sich nicht unter kriegen zu lassen von den zerstörerischen, hoffnungslosen Gedanken im Alltag und vor allem in der Zukunft.

An einigen Stellen im Land, vor Kirchen, an Wegkreuzungen, Schulen oder wie bei uns im Wald – an der Alten Leipaer Straße, dem sogenannten Hungerbrunnen mit Brotstein, wurden immer wieder Bäume zur Erinnerung an die Reformationszeit, mit ihren Jubiläen gepflanzt: vor allem Linden und Eichen. Sie erzählen auf praktische Weise einen wichtigen Teil unserer Geschichte und Identität. Mit ihren Jahresringen, ihrer Beständigkeit, Treue, Ausdauer und immer wieder hervorbrechenden grünenden Kraft.

Herbstbaum
Herbstbaum

Idee und Ausgangspunkt für die Erinnerungsbäume waren in der Reformationszeit die Gottesdienste im Freien, unter Bäumen, wo das Evangelium zum ersten Mal in deutscher Sprache zu hören war. Eine spannende Zeit des Aufbruchs, aber auch der Krise und Veränderung. Damit verbinden sich für uns Gedanken und Gefühle, die auch wir im 21. Jahrhundert teilen. Die Zahl der Christen in Deutschland und insbesondere in unserer Region wird kleiner. Viele weltweite Probleme berühren auch uns längst ganz konkret: Klima, Flucht und Vertreibung, Krieg und Frieden.

Bäume geben uns Antworten, ohne dass sie sprechen müssten. Sie sprechen für sich und faszinieren uns. Sie zu pflanzen ist in jeder Hinsicht gut. Ich denke an die vielen Ehepaare in Sachsen, die auf eine Idee des Kurfürstenpaares Anna und August seit der Reformationszeit zu ihrer Trauung einen Baum gepflanzt haben und die Familien, die für jedes Kind einen Apfel- oder Birnbaum setzten und damit Sachsen zu einem Obstland gemacht haben. Ich denke an jenen Bauern, der in Südfrankreich einen ganzen Eichenwald in einer vorher verödeten Gegend schuf. Er ging jeden Tag hinaus und grub Eicheln ein, wässerte sie, über Jahrzehnte. Ich denke an den Schüler Felix Finkenbeiner aus München, der von der Kanzel der ev.-luth. Matthäuskirche „Plant for the Planet“ / „Pflanzen für die Erde“ ausgerufen hat und damit eine weltweite Bewegung schuf, an der sich auch unsere Schulen beteiligen. Bäume sind gut für das Klima, für unseren Sauerstoff, unsere Ernährung, Es ist auf diese Weise sehr schön, das unsere Kirchgemeinden in diesem Jubiläumsjahr Bäume pflanzen wollen – zum Abschluss im Oktober.

Denn es gilt gerade heute, in den Krisenzeiten für die Welt und für die Kirchen in Deutschland: Ein Zeichen der Hoffnung zu setzen. Mit dem Wort Gottes und mit der Tat der Liebe zum Nächsten und zur Schöpfung, in der wir alle leben.

Es ist Pflanzzeit! Im wörtlichen wie im übertragenen Sinn: Pflanzen wir Hoffnung! Paulus nennt Glaube, Liebe und Hoffnung. Die Hoffnung ist der Anker des Lebens. Sie gibt festen Boden unter den Füßen selbst im Aufbruch in das Morgen. Sie verleiht aber auch Flügel als eine Vorstellung von der Zukunft, in die wir – Gott sei Dank – mit Gott volles Vertrauen setzen können.

Ihr Pfarrer Christian Mai